Tony Montana
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Tony Montana

Er geh?rt zu den umstrittensten Gangsterepen der Geschichte. Ein Film, dessen Einfluss nicht untersch?tzt werden sollte und zur Zeit seiner Entstehung f?r einige Kontroversen sorgte. Die Rede ist von Brian de Palmas ?Scarface?. Das Werk, welches noch vor ?GoodFellas? das klassische Gangsterdrama definierte, entmystifizierte und deshalb auf Grund rauer Sprache und intensiver Gewalt zerrissen wurde. Mittlerweile sind Fachleute wie Publikum wesentlich h?rtere Gangarten gewohnt und ?Scarface? durfte nachtr?glich die Ehre von selbigen Kritikern zukommen, die das Werk seinerzeit verrissen hatten. Nun wird er als einer der wichtigsten Gangsterfilme ?berhaupt angesehen.



Fidel Castro ?ffnet die Grenzen. Zumindest einen Teil davon. Damit erlaubt er Familien Verwandtschaft in Amerika zu besuchen. Unter der Hand zwingt er aber jene, die dorthin reisen, Kubas Abschaum mitzunehmen. Seien es politische Gefangene, Systemgegner oder tats?chliche Schwerverbrecher. Unter jenen befindet sich auch der Kleinkriminelle Tony Montana (Al Pacino), der nach Miami gelangen kann. Dort ger?t er unter die Fittiche des Drogenbarons Frank Lopez (Robert Loggia) und beginnt seine Laufbahn als dessen Laufbursche. Doch Montana hat h?heres im Sinne und beginnt, sich seinen Weg bis an die Spitze von Miamis Kokain-Imperium zu bahnen, ohne R?cksicht auf Verluste.



Drei umgeschnittene Fassungen und eine gerichts?hnliche Auseinandersetzung mitsamt Psychologen, journalistische Artikel und Zeugen brauchte es, bis ?Scarface? gr?nes Licht bekam und die Zensurbeh?rden erlaubten, dass das Werk auch von Jugendlichen in Begleitung Erwachsener gesehen werden durfte. Gl?cklich ?ber den Triumph konnte es sich Schlitzohr Brian de Palma nicht verkneifen, so die erste Fassung an die ?ffentlichkeit bringen, da er den Sieg f?r alle drei beanspruchte. Kaum einer merkte es und der Film wurde trotz oder gerade dank schlechter Kritiken ein gro?er Erfolg. Zum Mittelpunkt aller Rezensionen entwickelte sich die ber?hmt-ber?chtigte Kettens?genszene. Ein Schauspiel, das seinerzeit f?r das betr?chtliche Ma? an Brutalit?t stand, mittlerweile aber die hohe Regiekunst des Brian de Palma und Brillanz eines kontroversen Werkes bezeugt.



Die Kettens?gensequenz: Gleich zu Beginn sollte, laut Regisseur de Palma und Drehbuchautor Oliver Stone, ein brutales Zeichen gesetzt werden, um zu zeigen, in welche Richtung dieser Film ginge. Weg von den im Vergleich sauberen Schie?ereien und Messerstechereien aus ?Der Pate?, hin zu einer ?u?erst dreckigen und brutalen Form des T?tens. Tony Montana (Pacino) und drei seiner Kollegen bekommen den Auftrag, Drogen von Kolumbianern zu kaufen. W?hrend zwei auf der Stra?e im Auto warten, begibt sich Montana mit einem anderen Kollegen in das Apartment der Kolumbianer. Die Situation eskaliert und um Montana zur Preisgabe des Geldversteckes zu zwingen, wird sein Freund mit einer Motors?ge zerst?ckelt. Das Interessante an dieser Szenerie ist: Der Zuschauer sieht nichts. Gezeigt werden kurze Einblendungen auf die Kettens?ge, ansonsten nur Al Pacinos Gesicht und Blut, das in selbiges spritzt. Trotzdem sprachen damals viele von dieser grausamen Szene, in der ein Arm abges?gt worden sein solle. Eine Szene, die nicht explizit zu sehen ist. Der Beweis einerseits f?r die Macht der Fantasie und andererseits f?r die vorz?gliche Regiefertigkeit des Brian de Palma.



Al Pacino nennt ?Scarface? gerne, frei zitiert, a movie bigger than life. So legt er denn auch seine Rolle aus und st??t in opernhafte Dimensionen vor. Er versucht erst gar nicht, den kubanischen Akzent aufs I-T?pfelchen zu kopieren, sondern kreiert einen eigenen, unvergesslichen Stil. Was in anderen F?llen reinste Form des Overactings w?re, erweist sich bei Pacino als gro?e Schauspielkunst. Ihm geh?rt die Leinwand und er entwickelt bei seinen Auftritten eine elektrisierende Pr?senz, wie sie kaum ein anderer Schauspieler ausstrahlt. So bleiben die weiteren Darsteller gnadenlos in seinem Schatten, obwohl sie durch die Bank ansprechende Leistungen abliefern. Seien es die damals noch unbekannte Michelle Pfeiffer als bildh?bsche, aber leblose, drogenabh?ngige Mafiabraut, Steven Bauer, selbst ein Exilkubaner, oder F. Murray Abraham als schmieriger Gangster.



Das Drehbuch stammt aus der Feder von Oliver Stone, dessen Name inklusive angeh?ngtem d w?hrend den Recherchen f?r ?Scarface? Programm zu sein schien. Denn Stone selbst erkl?rt in einem Interview, nach den Recherchen f?r das Drehbuch ginge er nach Europa, um Abstand von den Leuten, die er nun kenne, und dem Kokain zu gewinnen. Er sprach mit Herrschaften aus der Szene, war bei verschiedenen Polizeibeh?rden und sa? nach eigenen Angaben mit ?u?erst omin?sen Pers?nlichkeiten zusammen. Seine gr?ndliche Recherche dehnte sich somit sogar auf den Konsum des Kokains aus. Ein entsprechend authentisches Script war das Ergebnis. Obwohl alle Charaktere fiktiv sind, spiegelt ?Scarface? doch mehr Realit?t wieder, als es auf den ersten Blick erscheint. Der Film erz?hlt die Geschichte vom amerikanischen Traum in einer ?berspitzten Weise und kehrt sie in einen bizarren Albtraum um. Doch gerade die Gewaltszenen, insbesondere jene Kettens?gesequenz, beruhen auf tats?chlichen Ereignissen, welche Stone bereitwillig von den Justizbeh?rden mitgeteilt wurden.



Das legend?re F-Wort, an dem in den USA schon so manche angestrebte Jugendfreigabe gescheitert ist, erlangt in ?Scarface? Rekordums?tze. Bemisst sich die US-Altersfreigabe wirklich, wie Ger?chte hartn?ckig die Runde machen, nach der Anzahl des W?rtchens ?Fuck?, so w?re dieser Film wahrscheinlich ab einem Alter freigegeben, wo sich ein jeder Mensch schon im Grab bef?nde. ?Scarface? erf?hrt die Schilderung eines dreckigen Drogenmilieus in blumigster Wort- wie Bilderwahl und kreiert so eine authentische Atmosph?re. Eine Atmosph?re, ebenso be?ngstigend wie reizvoll. Trotz greller Bilder und beschwingendem Discosound ist ?Scarface? in seiner Grundstimmung ein d?steres Drama. Keineswegs ein Werk, welches das Gezeigte verherrlicht oder guthei?t. Gerade im ungesch?nten und unzensierten Blick auf eine Schattenwelt, die viele nicht wahrhaben wollen, weist der Film auf den verheerenden Einfluss von Geld, Kapitalismus, Macht und Drogen hin.



Jedoch scheint das Drama nicht auf jedermann die Wirkung zu haben, die es haben sollte. Einige innerhalb der kubanischen Gemeinschaft Miamis waren nicht allzu froh ?ber die Geschichte eines kubanischen Gangsters und verhinderten, dass ?Scarface? (wie es eigentlich geplant war) einzig und alleine in Miami gedreht wurde. Deshalb beliefen sich die Dreharbeiten in Miami auf lediglich zwei Wochen. Die Crew wurde rausgeekelt und wich nach Kalifornien aus. Die kritischen Stimmen US-kubanischer Minderheiten finden sich in der Filmmutter Tony Montanas wieder, die nicht m?de wird, zu wiederholen, er werfe ein sehr schlechtes Bild auf die kubanischen Einwanderer. Tats?chlich aber f?hlten sich einige durch ?Scarface? sehr geschmeichelt und der Film entwickelte sich zum Vorbild zahlreicher Filmfreaks, insbesondere in der Hip-Hop-Szene. Der Figur Tony Montana widerfuhr eine Stilisierung zum Helden und seine Aussagen wurden zu gefl?gelten W?rtern.



?Scarface? ist ein eindringliches Produkt seiner Zeit, welches authentisch das etwas andere Lebensgef?hl einer Generation wiedergibt. Ein Film, der auf Illusionen aufbaut und selbige sogleich entzaubert. Der amerikanische Traum wird bis zum Exzess ausgelebt, umgekehrt, verdreht und das Wort Kapitalismus erh?lt ganz neue Dimensionen. Auf Grund seiner intensiven Bild- und Wortgewalt mag das Gangsterdrama nicht jedermanns Sache sein. Doch in seiner Aussage und Konsequenz kann ?Scarface? keineswegs der Unmoral bezichtigt werden. Die Verlockungen der glitzernden Oberfl?che einer Welt voller Partys, Sex und Drogen findet eine exzellente Visualisierung, ohne dass de Palma in unn?tige, voyeuristische Details abgleitet, was ihm bei anderen Filmen durchaus vorgeworfen werden kann.



?Scarface? profitiert von einer ausgezeichneten Fotographie, dem gekonnt zusammengestellten Darstellerensemble, angef?hrt von einem Al Pacino in Topform, und einer sehr passenden, musikalischen Umrahmung Giorgio Moroders. Dies, zusammen mit einem authentischen Drehbuch von Oliver Stone, das sich gerade durch seine scharfsinnigen Dialoge und profilierte Charakterzeichnung auszeichnet, f?hrt zu einem fast perfekten Film. Ein Film, f?r dessen Regie ein Mann wie de Palma (?The Untouchables?, ?Carlitos Way?) geradezu geschaffen ist. Es fehlt allerdings ein bisschen die Straffung der Handlung zum Meisterwerk, so dass bei all der Gewalt, die eigentlich nur sp?rlich, aber dann ?u?erst kraftvoll in Szene gesetzt wird, der Eindruck des Langatmigen nicht verwehrt werden kann.


tony-montana07@hotmail.de
14.2.06 12:04


14.2.06 11:49





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